Programm der PRAGESTT 2018

Donnerstag, 22. März 2018

19:00Informelles Abendprogramm

Literární kavárna Řetězová (Řetězová 10, Praha 1)

Freitag, 23. März 2018

8:00Registrierung der Teilnehmer
vor dem Raum 300

9:00 Offizielle Eröffnung
Raum 300

Begrüßung durch das Organisationsteam
Grußworte:
Prof. Mgr. Martin Humpál, Ph.D., Leiter des Instituts für germanische Studien
doc. PhDr. Michal Pullmann, Ph.D., Dekan der Philosophischen Fakultät
Christiana Markert, Geschäftsträgerin der Deutschen Botschaft in Prag

9:30Eröffnungsvortrag
Raum 300

Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan Michael Newerkla (Wien)
1918 und kein Ende – Tschechisch und österreichisches Deutsch im Sprach- und Kulturkontakt

Die sprachliche Situation in der Mitte Europas hat sich über viele Jahrhunderte hinweg bis heute als sehr komplex erwiesen. Das plurizentrische Deutsche wurde und wird in unterschiedlichen Varietäten in einem Sprachraum mit beträchtlicher Nord-Süd-Ausdehnung gesprochen bei gleichzeitig in früheren Jahrhunderten bis weit nach Osten reichender Verbreitung. Dabei sind auch in den diversen Bereichen des Sprach- und Kulturkontakts mit den baltischen, finnougrischen und vor allem slawischen Sprachen differenzierte Erscheinungen auf den unterschiedlichsten Ebenen festzumachen. Bestimmte Kontaktareale stechen dabei besonders hervor. Ein solches zentrales Sprach- und Kulturareal bildet zweifellos jener Kontaktbereich, den wir in groben Zügen mit dem Kerngebiet des alten Österreich assoziieren können und der Deutsch, Tschechisch, Slowakisch und Ungarisch als Fokussprachen sowie Polnisch und Slowenisch als nur teilweise beteiligte Marginalsprachen umfasst. Aus diesem Kontaktareal lässt sich ein Subareal herausschälen, dass vor allem durch den Einfluss des Tschechischen auf das österreichische Deutsch geprägt wurde. Der Vortrag behandelt diesen Einfluss näher, unterscheidet tatsächliche von vermeintlichen Kontakterscheinungen und zeigt, dass selbst 100 Jahre seit der Ablösung des gemeinsamen Staates durch neue Republiken die Spuren eines langjährigen Sprach- und Kulturkontakts zwischen dem Tschechischen und österreichischen Deutsch nach wie vor präsent sind.

10:10Organisatorische Hinweise

10:30Eröffnungsempfang

11:00Sektion 1: Suche nach der verlorenen Gegenwart
Raum 301

Moderation: Václav Smyčka

11:00Elisabeth Tilmann (Bonn)
Konzeptualisierungen von ‚Gegenwart‘ in Wiener Theaterkritiken um 1900

Wie verortet sich die Theaterkritik im Spannungsfeld von Zeitung, Theater und Literatur? Welche theoretischen Ansätze können einen Rahmen schaffen, um über die Position des Theaterkritikers nachzudenken? Und welche gattungstheoretischen Voraussetzungen und zeitspezifischen Eigenschaften hat die Theaterkritik, um auf ihre zeitgenössische Gegenwart zu referieren?
Nach einigen Überlegungen zu diesen grundlegenden Fragen wird anhand von Theaterkritiken Alfred Polgars und Peter Altenbergs die Hypothese überprüft, dass die ästhetisierte Theaterkritik um 1900 einen privilegierten Weg findet, in einen Dialog mit ihrer zeitgenössischen Gegenwart zu treten und dabei die Distanz zwischen ‚Leben und Kunst‘ zu überbrücken.

11:30Alessandra Rosan (Venezia)
Leben im Ausnahmezustand. Ein neuer Blick auf Christoph Heins Romane „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ (2005) und „Glückskind mit Vater“ (2016)

Die Thematisierung von Grenzerfahrungen, das Gefühl der Entfremdung sowie die Anstrengungen des Einzelnen, sich einer Gesellschaft durch Überlebensstrategien und Machtspiele anzupassen, sind die Kernthemen der Schriften von Christoph Hein.
Meine These lautet, dass in Heins Werken eine komplexe Verflechtung von „Regel“ und „Ausnahme“ sowie Ein-und Ausschließungsmechanismen entstehen, die kennzeichnende Elemente für den Themenkomplex des Ausnahmezustands darstellen. Ausgehend von den Studien des Philosophen Giorgio Agamben und den Ergebnissen der neueren Literaturforschung über das Verhältnis zwischen Leben und Recht, nimmt der Beitrag die Romane In seiner frühen Kindheit ein Garten und Glückskind mit Vater genauer unter die Lupe.
Anhand dieser Texte gibt die Untersuchung neue Impulse zur Rezeption eines wichtigen deutschen Gegenwartsautors, der durch emblematische Ausnahmefiguren und durch die Thematisierung von Gewalt Einblicke in die Problematisierung der Sphäre des Lebens und des Rechts bietet.

12:00Barbora Pýchová (Olomouc)
Wer erzählt in Comics?

Indem sich die Comicforschung zusammen mit der Comicproduktion immer weiter entwickelt, müssen auch einige Konzepte der Comictheorie revidiert werden. Die heftige Übernahme der Termini von der Narratologie, sollte erprobt werden. Dies betrifft auch den literarischen (textuellen) Erzähler, der mittels der Kategorien von Gérard Genette beschrieben wird. In meinem Beitrag möchte ich theoretische Konzepte vorstellen, die auf die Frage „Wer erzählt in Comics?“ Antworten suchen. Wer ist für die Wiedergabe der Handlung in Comics verantwortlich, wenn es den klassischen Erzähler nicht gibt?

11:00Sektion 2: Diskurs hoch im Kurs
Raum 317

Moderation: Petra Grycová

11:00Janneke Eggert (Essen)
Von Burkas und Bikinis – die Plakate der AfD im Bundestagswahlkampf 2017

Im Bundestagswahlkampf 2017 fielen vor allem die Wahlplakate der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“ (AfD) durch ihre provokanten Motive und Slogans auf.
Mein Vortrag soll zeigen, was die Plakate der AfD von den Plakaten der anderen großen Parteien unterscheidet, wie sie den Rezipienten und Wähler ansprechen und inwiefern sich die Plakate auf das Wahlprogramm beziehen. Meine These ist, dass sich die Plakate der AfD durch Inhaltsleere und Simplizität der Slogans auszeichnen und primär emotional beim Rezipienten wirken sollen. Konkrete Wahlkampfthemen werden gar nicht oder nur indirekt angesprochen und so für den Wähler nicht fassbar.

11:30Blanka Datinská (Brno)
Sprachliche Diskursmanifestation: Wie is(s)t und spricht Deutschland?

Der Beitrag widmet sich der linguistischen Betrachtung einer aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung und stellt die Anfangsphase des Dissertationsprojektes vor, in dem es sich um eine diskurslinguistische korpusgestützte Analyse mit emotionslinguistischem Schwerpunkt und dem Ausgangspunkt in dem Online-Diskurs zum Thema „Veganismus“ handelt. Präsentiert werden sowohl die Schritte zur Fragestellung als auch der methodologische Zugang zum Untersuchungsmaterial. Das Referat soll ebenfalls das Ergebnis der bereits durchgeführten Analyse bieten, die sich mit diskurstypischen Sprachveränderungen und mit der Rolle und Macht des vielfach konnotierten Labels „vegan“ in der Welt der Werbung beschäftigt. Im Mittelpunkt steht nicht nur die diskurslinguistische Perspektive, sondern auch die Einstellung, dass diskursbildende Sprachmittel und Konnotationsänderungen einen Einfluss auf Bedeutungsstrukturen im (Sprach)Denken der Sprachgemeinschaft ausüben.

12:00Petr Kuthan (Brno)
(Un)objektives Bild Tschechiens in deutschen Online-Medien (sueddeutsche.de, spiegel.de, faz.de)

Die Diplomarbeit möchte einen Beitrag zum Thema der journalistischen Objektivität der deutschen Medien in der Berichterstattung über die Tschechische Republik leisten. Sie zielt darauf ab, mithilfe der kritischen Diskursanalyse konstruktiv auf die möglichen Diskrepanzen mit dem Kriterium der journalistischen Objektivität hinzuweisen. Ein hypothetisches Konzept der Illusion des Journalistentodes wurde entwickelt, das zur Subjektivität in den Texten, wo die Subjektivität gar nicht verlangt wird, beiträgt, und seine Konsequenzen werden ebenso erläutert.
Hierfür war es erforderlich, die Aufmerksamkeit auch der pragmatischen Sicht der Kommunikation und der Rolle der Metapher in der Alltagssprache zu widmen.
Zweitens wurden verschiedene Aspekte dieser Theorien durch die Analyse des gebildeten Korpus ausgewählter Diskursfragmente von renommierten deutschen überregionalen Onlinemedien im praktischen Teil der Arbeit angedeutet, erörtert und beschrieben.

12:30Mittagspause

14:00Sektion 3: Eros - Liebe - Frau
Raum 301

Moderation: Julia Mierbach

14:00Alina Boy (Köln)
Die Autorin als Hetäre. Franziska zu Reventlows Verhandlungen von Geschlecht und Autorschaft

Franziska zu Reventlow ist noch heute mehr für ihren außergewöhnlichen Lebensstil als für ihre literarische Arbeit bekannt. Ihre freie Sexualität und die (Selbst-)Stilisierung zur „modernen Hetäre“ in der Münchner Bohème machen sie um 1900 als extravagante und skandalöse Persönlichkeit populär. Zurückzuführen ist der Kult um Reventlow mitunter auf eine bemerkenswerte Autorinszenierung, über die sie eine Autorpersona erzeugt, an der kulturelle Stereotype von Weiblichkeit und Autorschaft ironisch gebrochen werden. Dies geschieht auf zwei Inszenierungsebenen: zum einen in den literarischen Texten, zum anderen auf außerliterarischer Ebene über eine performative Selbstinszenierung. Der Vortrag zeigt Reventlows performative wie literarische Dekonstruktionen von Geschlecht und Autorschaft an einer Fotografie Reventlows und am Briefroman Der Geldkomplex (1916) auf, der neben Geschlecht und Autorschaft auch die Psychoanalyse persifliert.

14:30Yejun Zou (London)
Die Darstellung des subversiven Geschlechts in Ding Lings und Christa Wolfs Werken

Dieser Beitrag soll die Darstellung der subversiven Geschlechterrolle in Christa Wolfs Selbstversuch (1973) und Ding Lings Nacht (1941) vorstellen. Mit solcher Darstellung stellen die beiden Autorinnen die Bedeutung der Gleichberechtigung der Frauen in der DDR bzw. in der kommunistischen Region Yan’an in China infrage. Durch einen komparativen Ansatz zeigt meine Textanalyse, dass Wolf und Ding Ling, trotz des Unterschieds in den zeitlichen und kulturellen Hintergründen, ein mechanistisches Verständnis in den sozialistischen Regionen kritisieren, in dem die Frauenbefreiung nur als eine gleichwertige Behandlung zwischen Frauen und Männern betrachtet wird. Neben den Rechten und der Wahrnehmung der Frauen im Sozialismus fokussieren sich die beiden Schriftstellerinnen auf eine Befreiung beider Geschlechter und glauben, dass die Geschlechtergleichstellung nur im Sozialismus durch den Prozess der Selbstverwirklichung geschafft werden kann.

15:00Bernhard Winkler (Regensburg/Budapest)
Literatur als Reconquista des Herzens – Liebe und Eros bei Botho Strauß

Botho Strauß macht sich in seinem Werk auf die Suche nach dem verlorenen Eros. Für ihn ist Liebe an die Andersheit des Anderen gebunden, die in der Mittelmäßigkeit der herabgestimmten Beziehung nivelliert wird. Liebe und Erotik entstammen dem Refugium der Phantasie, sodass eine Rettung des Eros zur Aufgabe der Dichtung wird. Strauß‘ Imaginationen des Erotischen kreisen um das zentrale Gespann des Paares, dessen Spannung er in einer Dialektik von Ich und Du beschreibt.
Der Beitrag untersucht die Liebeskonzeption bei Botho Strauß. Der Fokus liegt dabei auf den noch wenig erforschten jüngeren Werken wie Oniritti Höhlenbilder (2016) oder Die Fabeln von der Begegnung (2013). Dabei wird insbesondere die zentrale Stellung der Imagination als Quellpunkt von unterschiedlichen Liebeskonzeptionen in den Blick genommen.

14:00Sektion 4: System muss sein
Raum 317

Moderation: Petr Píša

14:00Lucia Miháliková (Trnava)
Zum Phänomen der Valenzerweiterung am Beispiel des Geräuschverbs „rauschen“

Der vorliegende Beitrag stellt eine Synthese der theoretischen, methodologischen und empirischen Analysen zur Problematik der verbalen Valenzerweiterung dar. Als Forschungs- und Belegmaterial dient die konzeptuell-kontextuelle Verbindbarkeit des Geräuschverbs rauschen, die aus zugänglichen Lexika und Korpora exzerpiert wurde. Von Forschungsinteresse sind hier diese Aspekte:
− Was muss gelten/Was muss erfüllt sein, damit man von der Valenzerweiterung des betreffenden Verbs sprechen könnte?
− Mit welchen grammatischen Mitteln und Effekten ist die Valenzerweiterung begleitet?
− Wie prägt sich die Valenzerweiterung auf der syntaktischen und semantischen Seite des betreffenden Verbs aus?
− Welche anderen Konzepte sind vorauszusetzen?
− Welche Typen der erweiterten Valenzsyntagmen sind zu unterscheiden?

14:30Viktor Tichák (Olomouc)
Erwerb des tschechischen verbalen Aspekts: Füllen Sie die Lücken im deutschen Sprachsystem ein!

Der kontrastive Beitrag zur tschechisch-deutschen Aspektforschung stellt die Ergebnisse einer linguistischen Analyse von ausgewählten Lehrbüchern der tschechischen Sprache vor allem für deutsche MuttersprachlerInnen dar. In manchen Lehrwerken findet man nämlich Fehler, die keine Fehler aus Versehen sind, sondern eine Art Hilfe für die StudentInnen, damit sie den Aspekt besser verstehen können. Die AutorInnen benutzen z. B. oft eine andere Kategorie zur Erklärung der anderen, am häufigsten die Aktionsart zur Erklärung des Aspekts, in den Übungen kommen des Öfteren irreführende Beispiele von Verben mit geringer Aspektrelevanz vor.

15:00Katinka Rózsa (Szeged)
Der graphematische Status der Großschreibung im Deutschen

Das Ziel des Vortrags ist es, einen Standpunkt in den ungeklärten Fragen einzunehmen, die im Zusammenhang mit der Klein- und Großschreibung auftauchen, v. a. mit der Bestimmung des graphematischen Status der Großbuchstaben. Diese Frage wird in der einschlägigen Dissertation von Rezec (2009) und in der Einführung von Fuhrhop/Peter (2013) als offene Frage thematisiert.
In der Untersuchung wird analysiert, welche Vor- und Nachteile es hat, die Großschreibung im Deutschen als segmentale bzw. suprasegmentale Eigenschaft zu bestimmen. Daraus erfolgend kann es bestimmt werden, ob Klein- und Großbuchstaben als getrennte Grapheme oder als Allographe behandelt werden. Nolda (2012) stellt – der suprasegmentalen Phonologie ähnlich (vgl. Goldsmith 1990) – die Klein- und Großschreibung an verschiedenen Achsen als suprasegmentale Eigenschaft dar.
Es ist wichtig, in Analogie zu Phonem und Allophon die Definition von Graphem und Allograph zu bestimmen. Danach wird die typographische Fachliteratur verarbeitet, damit diese ermittelt werden können. Auf diese Weise können auch die Grapheme und Allographe des Deutschen ermittelt werden.

15:30Kaffeepause

15:40 Beratung für Interessenten an DAAD-Stipendien oder anderen Fördermöglichkeiten
Raum 317

Kurzpräsentation von Dr. Christof Heinz (DAAD)

16:00Sektion 5: Fremde Heimat
Raum 301

Moderation: Marta Škubalová

16:00Sifei Qin (Erlangen)
Der Heimatdiskurs in der deutschen realistischen Literatur - am Beispiel von Wilhelm Raabes Werk „Abu Telfan"

Der Roman Abu Telfan von dem deutschen realistischen Schriftsteller Wilhelm Raabe erzählt die Erfahrung des Protagonisten, der nach langjährigem Aufenthalt in Abu Telfan – einem fiktiven Ort in Ägypten – als Sklave zurück in seine deutsche Heimat kehrt. Er kann sich aber an die Umgebung nicht anpassen. Zugleich akzeptieren seine Mitbürger ihn auch nie wirklich. Sie nennen ihn „den Afrikaner“. Leonhard vermisst Afrika sehr, sodass das in der Ferne liegende Abu Telfan eher für ihn „daheim“ ist.
Im Roman gibt es nämlich zwei „Heimaten“: die idealisierte afrikanische Heimat und die spießbürgerliche deutsche Heimat. Es befindet sich ein schreiender Kontrast zwischen der Ferne und der Nähe, der Vergangenheit und der Gegenwart. Durch die Analyse dieser beiden Heimaten würde ich versuchen, das neue Heimatbild in der deutschen realistischen Literatur zu erklären.

16:30Cornelia Arbeithuber (Freiburg)
Aspekte zum Heimatkonzept in W.G. Sebalds ›Die Ausgewanderten‹ und heim(at)liche Interferenzen zu Jean Améry

W.G. Sebald (1944–2001) thematisiert im Prosaband Die Ausgewanderten (1992) die kollektive wie individuelle Verdrängung der Shoah, Exil und Trauma. Heimat wirkt dabei wie ein Angelpunkt solch mancher diskret rekonstruierten Biografie und ihr Verlust wird zur conditio humana erhoben. In dieser negativen, vom Schmerz der Verlusterfahrung sowie der Liminalität des Exils konnotierten Perspektive korreliert Sebalds Heimatkonzept mit demjenigen Jean Amérys, sodass diese Interferenzen im Fokus meines Vortrags stehen. Besonders in der Erzählung Paul Bereyter (in den Ausgewanderten) sind Leben und Werk Amérys nämlich als Subtext präsent. Jean Améry (1912–1978) reflektiert in seinen autobiografischen Schriften seine Erfahrungen als Opfer des Nationalsozialismus, Mitglied des Widerstands und Exilant.

17:00Jana Dušek Pražáková (Praha)
Zwischen Äquivalenz und Adäquanz: Die Fremderfahrung in der Migration und Adoleszenz bei Katja Fusek und Irena Brežná

Die in diesem Beitrag vorgestellte Analyse schließt sich dem literaturwissenschaftlichen Eastern Turn und der transdisziplinären Adoleszenzforschung an. Die Romane Die undankbare Fremde (2012) von Irena Brežná und Novemberfäden (2002) von Katja Fusek erzählen über junge weibliche Hauptfiguren aus der Tschechoslowakei, die sich mit der Migration in die Schweiz auseinandersetzen. Mithilfe von Theorien der Übersetzung (Joachim Renn), Responsivität (Bernhard Waldenfels), Subalterität (Gayatri Chakravorty Spivak), Postmonolingualismus (Yasemin Yildiz) u.a. werden die Romane in Bezug auf die Übersetzung der Fremderfahrung innerhalb der Migration und Adoleszenz untersucht. Die Motive der übersetzten Fremderfahrung werden dabei auf die Anwendung des Äquivalenz- und des Adäquanzprinzips überprüft.

16:00Sektion 6: Die Sprache ist mein Typ
Raum 317

Moderation: Petra Grycová

16:00Balázs Kovács (Szeged)
Zur typologischen Charakterisierung der Präterita in Europa

Was drückt eine Vergangenheitsform aus? Wieso sagt man in Schweden Det smakte bra! (Es schmeckte gut!), wenn man noch immer am Essen ist? Welche Nuancen der Vergangenheitsformen gibt es in Europa und wie einheitlich sind da die Systeme der Vergangenheitsformen überhaupt? Sind sie in Europa eher ähnlich oder unterschiedlich?
In diesem Beitrag werden die Ergebnisse einer Forschung präsentiert, die als Ziel hatte, die Praeterita in Europa zu untersuchen. Das sind Vergangenheitstempora, die mit den Perfecta in Opposition stehen, z.B. engl. past simple, dt. Präteritum, schw. preterite.
Als Methode wurden Features zu den Tempora formuliert, und zwar so, dass sie Aussagen, „Kann-Sätze“, oder Verbote darstellen, die sich immer auf das untersuchte Tempus beziehen, z.B. „Kann das Präteritum Höflichkeit ausdrücken?“ Im Deutschen kann es, im Litauischen geht es hingegen nicht. Die „Schlüsselfragen“ der Features können immer mit ja oder nein beantwortet werden (1 oder 0). Somit ergibt sich eine Tabelle, die mit Kreuztabellenrechnung statistisch ausgewertet wurde und somit die Ergebnisse vergleichbar gemacht hat.

16:30Martina Rybová (Praha)
„Es will und will nicht enden." Eine frustrative Konstruktion im Deutschen?

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Semantik und formalen Charakteristik einer modalen Konstruktion im Deutschen (z. B. Es regnet und regnet nicht., Er will und will nicht einschlafen.) und im Tschechischen (On ne a ne usnout.).
Es werden die vorläufigen Ergebnisse der Korpusanalyse der Konstruktion im Deutschen und Tschechischen vorgestellt. Die Analyse wurde am Material der vergleichbaren Korpora der Internettexte (Aranea Korpora, Český národní korpus) durchgeführt. Im Rahmen des Beitrags werden die semantischen und formalen Unterschiede der deutschen und tschechischen Konstruktion und allgemein auch die Verwendung der Korpora in Hinsicht auf die nicht so häufig verwendeten sprachlichen Merkmale diskutiert.

17:00Paul Compensis (Köln)
Resumptive Pronomen in deutschen und bulgarischen Versetzungskonstruktionen

Linksversetzung dient meist der Einführung neuer Satztopiks und Rechtsversetzung der Beibehaltung des bisherigen Topiks. Diese pragmatischen Anforderungen schlagen sich in der jeweiligen syntaktischen Ausgestaltung beider Konstruktionen nieder. Unterschiede betreffen insbesondere die Wahl und Positionierung der sogenannten Resumptiva, die das versetzte Satzglied im entsprechenden Hauptsatz ersetzen. Im Deutschen betrifft das die Wahl des Pronomens sowie dessen Position im Satz, im Bulgarischen werden enklitische Pronomen benutzt, die sprachspezifische Beschränkungen aufweisen. In diesem Beitrag wird die Hypothese aufgestellt, dass in beiden Sprachen dieselben pragmatischen Bedingungen für die Wahl der jeweiligen Versetzungskonstruktion existieren. Es wird erwartet, dass Form und Position des jeweiligen resumptiven Elemente sich an der Unterscheidung zwischen Topikwechsel und Topikerhalt orientieren, wobei morphologische und syntaktische Unterschiede durch einzelsprachliche Faktoren zu erklären sind.

17:30Pause

19:00Autorenlesung: Karin Peschka
Autolyse Wien: Erzählungen vom Ende

Moderation: Dana Pfeiferová
Österreichisches Kulturforum Prag (Jungmannovo náměstí 18, Praha 1)
Eintritt frei
Plakat

Samstag, 24. März 2018

9:30Sektion 7: Bühne der Welt
Raum 300

Moderation: Markus Grill

9:30Daria Leila (Köln)
Der melancholische Souverän als allegorische Figur nach Walter Benjamin in Andreas Gryphiusʼ „Leo Armenius"

Untersucht wird Gryphius’ Trauerspiel „Leo Armenius“ unter Berücksichtigung der Thesen Walter Benjamins aus seiner Schrift „Ursprung des deutschen Trauerspiels“. Benjamins Hauptkonzepte Souveränität, Melancholie und Allegorie sind darin nebeneinandergestellt und anhand der Figur des barocken Souveräns ansatzweise, jedoch unvollständig erläutert. Im Anschluss an Benjamins abstrakt-theoretische Ausarbeitung findet sich jedoch keine vollständige Zusammenführung dieser drei Konzepte in der Figur des Souveräns, sodass seine Theorie für eine umfangreiche Analyse zunächst ungeeignet scheint. Eine praktische Anwendung von Benjamins Theorie ist jedoch durchaus möglich. Ziel des Vortrags ist, die drei Aspekte in der Figur des Souveräns zusammenzuführen, ihn also im Status seiner Souveränität zu verorten, ihn als Melancholiker auszuweisen und ihn als allegorische Figur sowie als Allegoriker zu definieren.

10:00Anastasia Khomukhina (Konstanz)
Parasitäres Schreiben: Über die intertextuellen Verfahren in der modernen Dramatik

„Es genügt teilweise schon, daß ich ein Buch sehe, ohne es zu lesen, dann will ich auch solch ein Buch schreiben. Ich habe schon daran gedacht, mir eine solche Erzählhaltung zuzulegen, sie als parasitäres Schreiben zu bezeichnen“. Befreit von dem Originalitätsdiktat versucht die Literatur, ihre Methoden und Verfahren der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe zu reflektieren und neue Aneignungsstrategien herauszuarbeiten. Am Beispiel von Jandls „Parasitärem Stück“ und dem letzten Theatertext Elfriede Jelineks wird in dem Beitrag vorgezeigt, wie die parasitären Strategien in der modernen Dramatik funktionieren und inwiefern sich das parasitäre Schreiben von den klassischen intertextuellen Verfahren der Parodie, Travestie oder des Zitats unterscheidet.

10:30Ádám Szinger (Szeged)
Die ungarische Aufnahme Thomas Bernhards

In diesem Vortrag wird erzielt, einen ersten theoretischen Überblick auf die Methodologie einer rezeptionsästhetischen Forschung der ungarischen (Spät‑)Aufnahme Thomas Bernhards darzustellen sowie ein Beispiel für dessen praktische Verwendbarkeit aus der ungarischen Wirkungsgeschichte des Autors zu zeigen.
Anhand der Literaturtheoretiker der Konstanzer Schule (Hans Robert Jauß, Wolfgang Iser, Roman Ingarden) und des französischen Philosophen Paul Ricœur wird die Welt des Lesers und die Welt des Textes sowie die Phänomenologie und Ästhetik des Lesens als Grundkontext der Forschung dargestellt. Es werden hier die Polarität von Fiktion und Realität sowie die Zusammenhänge von Fiktion und Ästhetik thematisiert, und anhand dessen versucht, den Erwartungshorizont des jeweiligen ungarischen Thomas-Bernhard-Lesers zu rekonstruieren. Dabei werden Beispiele von Übersetzungen des Romans Ein Kind von Bernhard aus zwei Perioden näher betrachtet und in die Forschung hereingezogen.

10:00Sektion 8: Bevor und nachdem
Raum 317

Moderation: Barbora Špádová

10:00Lucie Jakubcová, Václav Kříž (Praha)
BIBLON: Online-Bibliografie zur Erforschung der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern

Biblon stellt den Output eines studentischen Forschungsprojekts an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität zu Prag dar. Die Bibliografie strebt nach der Erfassung aller wissenschaftlichen Arbeiten (Monografien, Fachstudien, Artikel, Diplomarbeiten u. Ä.), die sich primär aus der linguistischen Perspektive mit der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern befassen. Das Projekt setzt sich zum Ziel, die wissenschaftliche Forschung im Bereich der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern zu erleichtern und weiter voranzutreiben. Die Bibliografie ist jedoch nicht nur für linguistische Forschung bestimmt (sei diese diachron oder synchron orientiert), sondern auch für Historiker und Archivare, die mit deutsch geschriebenen Dokumenten aus den böhmischen Ländern in Berührung kommen.

10:30Wolfgang Holanik (Graz)
Zwölf Sätze – ein Textuniversum: Die Grazer (Seckauer) Monatsregeln im muttersprachlichen Deutschunterricht

Bei den Grazer (Seckauer) Monatsregeln handelt es sich um Gesundheitsanweisungen aus dem 13. Jahrhundert in einer Kalenderhandschrift. Anhand des Textes möchte ich Wege und Möglichkeiten zum Umgang mit mittelalterlicher Fachprosa im Unterricht aufzeigen: Neben einem Blick auf die Handschrift und ihren Aufbau sowie auf die Textsorte ‚Monatsregimen‘ werden die Seckauer Monatsregeln als Ausgangspunkt für eine intertextuelle Bearbeitung mittelalterlicher Fachtexte aufgefasst: Dabei reicht der inhaltliche Bogen von der Humoralpathologie über den Aderlass und die Diätetik bis zur mittelalterlichen Kräuterkunde. Der Vortrag will verdeutlichen, dass mittelalterliche Fachprosa viele neue Möglichkeiten im Unterricht eröffnet und zu einem adäquaten Umgang mit historischen Texten beitragen kann.

11:00Kaffeepause

11:30Sektion 9: Erzählte Welten
Raum 300

Moderation: Ladislav Futtera

11:30Adrian Meyer (Köln)
Mythische Ökonomie. Prozesse der Wertkonstruktion im „Fortunatus"

Der Prosaroman „Fortunatus“ von 1509 ist in der Vergangenheit häufig als Dokument einer sich monetär konstituierenden Bürgerschicht gelesen worden. Statt der literarischen Projektion realweltlicher Umbrüche soll hier nun in den Blick genommen werden, wie die Einbindung ökonomischer Umstände und Konventionen im Text genutzt wird, um eine spezifische Narration überhaupt erst in Gang zu setzen. Diese historische Einbettung soll methodisch mit zwei Aspekten verbunden werden: Erstens mit dem intradiegetischen Figurenwissen über andere Figuren und damit der Stellung der Figur Fortunatus innerhalb der erzählten Welt sowie zweitens mit der an Cassirer und Simmel anknüpfenden Opposition mythischer und ökonomischer Wertkonstruktion. Darauf aufbauend bildet die Identifikation von Fortunatus als Nachahmer kaufmännischen Habitus‘ schließlich den Fluchtpunkt der Überlegungen.

12:00Na Liu (Göttingen)
Spiel mit Faktualität und Fiktionalität - Die Erzählästhetik in „Dichtung und Wahrheit“

Dichtung und Wahrheit soll sowohl ein Kulminationspunkt als auch ein Wendepunkt der narrativen Biographien in der deutschen Literaturgeschichte sein. Sie hat wegen des historischen Erzählens zuerst den literarhistorischen, sozial- und kulturgeschichtlichen Sinn. Allerdings ist sie zugleich auch ein Kunstwerk. Die Fiktionalität spielt eine große Rolle und verbindet sich eng mit der dargestellten Faktualität. Infolgedessen hat das Werk noch literarische und ästhetische Werte und Bedeutungen. In moderner Zeit wurde sie nicht nur als Autobiographie, sondern auch als Roman sogar als Märchen interpretiert.
Der geplante Vortrag wird auf Faktualität und Fiktionalität in Dichtung und Wahrheit eingehen und die deren Verbindung zugrundeliegende Erzählästhetik weiter exponieren.

12:30Felix Lindner (Berlin)
Pacmans Geheimnis: Kafka und die Falte

Kafkas Räumen liegt eine Wissensfigur zugrunde: die der Falte. Schlösser, Häuser, Treppen und Türen – auf Papier entwirft sie Kafka und faltet sie übereinander. Lungenbläschen und Großhirnrinden ähnlich ist das, was dabei entsteht: eine Oberflächenvergrößerung bei gleichbleibendem Volumen. Weit Entferntes wird so zum Benachbarten, Horizontales zum Vertikalen, Treppen werden zu Babeltürmen. Denn: Schon räumliche Kleinstmanipulationen sorgen für epistemische Maximalstörungen. Das ist der Mechanismus dieser Origami-Architektur, die zeigt, wie machtbasierte Raumordnungen Körper und ihre Bewegungsmöglichkeiten diktieren. Die Faltenräume machen letztlich etwas transparent, was die westliche Raumordnung des 20. Jahrhunderts angestrengt verbirgt: ihre Geburt aus der Disziplinierungsanlage. Warum sind also Kafkas Räume so, wie sie sind? Man muss nur Pacman fragen.

11:30Sektion 10: Wie viele Sprachen du sprichst...
Raum 317

Moderation: Petra Sivčáková

11:30Lenka Poľaková (Prešov)
Die „Gerichtssaal-Sprache in der Dolmetschpraxis" – Dolmetschen der bei den strafrechtlichen Hauptverhandlungen vorkommenden Phrasen und Redewendungen

In dem folgenden Beitrag handelt es sich um die Forschung der Rechtssprache im Rahmen des Gerichtsdolmetschens. Der Forschungskern besteht dabei in den festen Phrasen, die in den Reden der Beteiligten bei den strafrechtlichen Hauptverhandlungen vorkommen und die für die Gerichtsdolmetscher von großer Bedeutung sind. Zum Hauptziel dieses Beitrags wird die Vorstellung eines effektiven Wegs, der im Dolmetschausbildung (bzw. in der Dolmetschvorbereitung) zur Erleichterung und zugleich zur Verbesserung des anstrengenden Dolmetschprozesses führen könnte. Dabei wird es von der Verbindung der zwei folgenden Aspekte ausgegangen: von der sog. „Sprache im Gerichtssaal“ (die oben genannten festen Phrasen) und von dem Prozess der Automatisierung im Dolmetschtraining. Diese Verbindung stellt die Möglichkeit der Automatisierung dieser Phrasen vor, was einen effektiveren Dolmetschprozess zum Ergebnis haben könnte.

12:00Markéta Valíčková (Brno)
Resultativa im Deutschen und im Tschechischen. Möglichkeiten einer korpusbasierten Analyse

Die ausschlaggebende Prämisse für einen erfolgreich abgeschlossenen 
Übersetzungsprozess ist, dass der zur Übersetzung ausgewählte Ausgangstext 
richtig verstanden werden soll. Anhand der Fachliteratur wurden theoretische 
Erkenntnisse gewonnen, die teilweise zur Darstellung der tschechischen 
Resultativkonstruktionen sowie ihrer deutschen Äquivalente für Rezipienten 
appliziert werden. Resultativa als Aspekt-Passiv-Übergangskategorie stellen 
nämlich eine Interpretationslücke für Übersetzer dar, da das Deutsche über zwei 
Passivformen und zwei Perfektformen verfügt und das Tschechische anders 
verfährt. Der Beitrag fokussiert auf die verschiedenen Bedeutungen der 
Resultativkonstruktionen in Verbindung mit Verben ‚sein‘ und ‚haben‘ im 
Deutschen und im Tschechischen anhand der korpusgestützten Belege aus dem 
Parallelkorpus InterCorp. Dabei wird auch das Potential von korpuslinguistischen Methoden nicht nur für Übersetzer diskutiert. 

12:30Ženija Minka (Ventspils)
Übersetzung von Fußballtermini von der deutschen in die lettische Sprache am Beispiel des Jugendromans „Asphaltfieber” von Michael Horeni

Beim Fußball ist es nicht immer leicht, zwischen Fußballtermini und Fußballjargon zu unterscheiden, besonders wenn es sich um Straßenfußball handelt. Im Roman „Asphaltfieber“ von Michael Horeni kommen jedenfalls verschiedene Wörter und Wendungen vor, die eindeutig zum Fußball gehören. Fünf von ihnen werden während der Konferenz in Bezug darauf analysiert, wie man sie in die lettische Sprache übersetzen könnte. Das ist interessant, weil (Straßen-)Fußball als Sportart in Lettland im Vergleich zu Deutschland viel weniger ausgeprägt ist. Daher fehlen auch in der lettischen Sprache eigenständige Bezeichnungen für Fußballrealien. Aber es ist möglich, mithilfe unterschiedlicher Übersetzungsverfahren eine passende lettische Entsprechung zu finden. In der Präsentation werden sowohl passende als auch nicht passende Varianten analysiert.

13:00Mittagspause

14:30Sektion 11: Zauber der alten Zeit
Raum 300

Moderation: Anna Košátková

14:30Christian Prado Wohlwend (Valencia)
Magie in den Nibelungen. Funktion und Bedeutung des Zaubertranks im Nibelungenlied, in den altnordischen Fassungen und in „Der Held des Nordens“ von Friedrich de la Motte Fouqué

Der Nibelungensage liegen prinzipiell historische Ereignisse zugrunde, sie verleihen ihr eine stoffliche Grundlage. Dennoch ist nicht alles, was in der Nibelungensage erzählt wird, bloße Geschichtsdarstellung. Märchenhafte und magische Motive sind hinzugefügt worden, aber sie spielen in den verschiedenen Texten unterschiedliche Rollen; in manchen Fassungen werden sie kaum oder flüchtig erwähnt, während in anderen ihnen besonderes Gewicht eingeräumt wird. Ebenso geschieht es mit dem Zaubertrank, durch den Sigurd (Siegfried) Brynhild (Brünhild) vergisst.
In diesem Vortrag wird die Wichtigkeit, die Funktion und die Konsequenzen des Zaubertranks im Nibelungenlied, in der Saga von den Völsungen und in Der Held des Nordens präsentiert und analysiert.

15:00Alyssa Steiner (Basel)
sô swîge ich rehte als ein stumme – Der schweigenden Minnesänger bei Heinrich von Morungen und die Frage nach dem minnebedingten Schweigen in der hohen Minne

Heinrichs von Morungen Minnelieder zeichnen sich durch ihre Reflexion des richtigen Singens in der hohen Minne aus. Umso wunderlicher erscheint deshalb das Motiv des schweigenden Minnesängers – des Sängers, der entweder schweigen muss oder möchte. Dennoch nimmt Heinrich das Verhältnis von sanc und swîgen, die Wertung des Schweigens in der Minnebeziehung, und das Schweigen als Bestandteil einer performativen Vortragskunst in seine Dichtung auf. Geschickt bedient sich der Verfasser gängiger Minnesangstopoi, sodass die – durch das propagierte swîgen angelegte – performative Retorsion den sanc nicht ad absurdum führt, sondern poetologisch produktiv umgedeutet. Der, durch die historische Dimension der mittelalterlichen Literatur bedingte, methodologischen Herausforderung die performative Vortragsweise des Minnesangs in die Analyse miteinzubeziehen, soll dabei ebenfalls Rechnung getragen werden.

15:30David Gabriel (Köln)
Lesendes Verstehen im „Fließenden Licht der Gottheit" von Mechthild von Magdeburg und in der sog. 'Vita' Heinrich Seuses

Der Vortrag widmet sich der in den Texten aufgemachten Dreiecksbeziehung Autor – Text – Leser. Leseakte sind dabei, wie oft auch Schreibakte, implizit wie explizit in den Texten aufgenommen und zeigen an, auf welche Art und Weise ein Text gelesen werden kann/soll. Dies hängt dabei auch von der durch die Textstruktur hervorgerufenen Lesestrategie ab. In diesem Vortrag werde ich mich zwei Texten des Mittelalters widmen, die im Umfeld der sog. mystischen Literatur entstanden sind und deren Rezeptionsstrategien und Lesemodi aufzeigen und in Beziehung setzen. Das iterative Lesen wird als Mnemotechnik und als existentieller Akt in beiden Textbeispielen ersichtlich und zeigt einen ähnlich konstitutiven Charakter mystischen Schrifttums, der sich seiner Vermittlungsfunktion immer bewusst ist.

14:30Sektion 12: Lernen, lernen und nochmals lernen
Raum 317

Moderation: Martina Čížková

14:30Jana Elena Koch (Wien)
Tabuthemen im DaF-Unterricht

Tabuthemen im DaF-Unterricht werden häufig als schwierig erachtet und zumeist vernachlässigt oder komplett umgangen. Dabei spielen sie für DaF-Lernende eine zentrale Rolle: Um ein sowohl interkulturell als auch sprachlich kompetentes Mitglied einer Sprachgemeinschaft zu werden, müssen nicht nur grammatisch-lexikalische, sondern auch andere Fertigkeiten erworben werden. Dazu gehören unter anderem das Wissen um Tabus und die Fähigkeit, sich angemessen zu verhalten, was Sprechen über Tabuthemen in verschiedenen Kontexten sowie Strategien bei Tabubrüchen miteinschließt.

 Dies wird jedoch nach wie vor systematisch ignoriert; konkrete Unterrichtskonzepte dazu gibt es annähernd nicht. Im Rahmen dieses Beitrags wird daher versucht, die Thematisierung von Tabuthemen im DaF-Unterricht am Beispiel von Sexualität nicht nur theoretisch zu rechtfertigen, sondern auch praktische Vorgehensweisen vorzuschlagen, wie diese Umsetzung aussehen könnte.

15:00Josef Gibala (Wien)
Grammatikmanufaktur (Gestik und Verb)

Es wird die Frage erforscht „Was ist Unterricht?“. Als Praktiker generiert der Autor ein neues Lehr- und Lerninstrument (LLI) mit Hilfe der Grounded Theory von über 815 realen Unterrichtsstunden aus dem Bereich Deutsch als Zweitsprache. Die Gestik wird im realen Unterricht mittels quantitativer Analysen (Video(interaktions)analysen) im Bereich Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache nachgewiesen.
Die daraus entwickelten Praxismodelle führen von der Norm zur Lernenden- und Aufgabenorientierung, also zu Grammatikwissen und seiner professionellen Implementierung im DaF/DaZ-Unterricht mittels der Gestik. Lernen mit Freude.

15:30Svetlana Stančeková (Nitra)
Das Bedürfnis nach Struktur im Zusammenhang mit dem Fremdsprachenerwerb

Das Konstrukt Bedürfnis nach Struktur bedeutet das Bedürfnis nach dem Sortieren der Informationen, die das Individuum aus seiner Umgebung bekommt. Es hängt mit der Kategorisierung zusammen. Die Fähigkeit, die Struktur zu bilden und kategorisieren zu können, hilft dem Individuum in der Orientation und in der Auffassung der Dinge, sie ermöglicht ihm, mit Hilfe von Kategorien die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten in den Prozessen zu begreifen. Es gibt mehrere Bereiche, in denen PNS untersucht wird, uns interessiert vor allem der Bereich der Edukation. Im linguistischen Bereich wurden die Untersuchungen des Bedürfnisses nach Struktur mit der verbalen Intelligenz und mit der Länge des Fremdsprachenerwerbs durchgeführt. Meine Untersuchung richtet sich auch auf die Leistung in der Fremdsprache.

16:00Kaffeepause

16:30Sektion 13: Kaffee ohne Eigenschaften
Raum 300

Moderation: Jana Dušek Pražáková

16:30Markus Grill (Praha)
„Wiener Kaffeehausliteratur". Eine kritische Annäherung

Mit dem Anschluss Österreichs 1938 gehörte eine besondere Form literarischer Kommunikation der Geschichte an: die sogenannte Wiener Kaffeehausliteratur. Ungeachtet dieses Faktums präsentiert sich das Thema äußerst gegenwartsnah. Als feuilletonistische und touristische Marke erfreut sich die Wiener Kaffeehausliteratur hartnäckiger Beliebtheit. In der Literaturwissenschaft taucht der Begriff bisweilen als vermeintlicher Terminus technicus auf. Dabei definiert, konkretisiert oder präzisiert er nicht. Die mehrfache Funktionalisierung und nachhaltige Präsenz des Begriffs sind nicht zuletzt Ausdruck einer hohen identitätsstiftenden Wirkungskraft. Bemerkenswerterweise steht die kritische kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Wiener Kaffeehausliteratur als vielschichtigem österreichischem Erinnerungsort noch aus. Der Beitrag diskutiert die Voraussetzungen, Möglichkeiten und Perspektiven einer umfassenden Untersuchung zum Konzept „Wiener Kaffeehausliteratur“.

17:00Stéphanie Dung Ching Bonvarlet (Wien)
Die Übertragung von Motiven aus Maeterlincks „Trésor des Humbles" in Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß"

Die Mystik spielt eine prägende Rolle in Musils gesamtem Prosawerk. Dieser Beitrag wird sich jedoch auf Die Verwirrungen des Zöglings Törleß konzentrieren. Die Musil-Forschungsliteratur hat sich schon mit seiner Mystik intensiv auseinandergesetzt, aber um sie gut begreifen zu können, ist es nötig, herauszufinden, mit welchen mystischen Werken er im Kontakt war.
Das Motto von Törleß ist ein Zitat aus einem Essay von Maurice Maeterlinck, Le Trésor des Humbles, der sich mit dem Mystischen beschäftigt. Auszüge aus Musils Tagebüchern und Briefen zeugen außerdem davon, dass Musil das Buch aufmerksam gelesen hat. Trotz dieser Elemente wurde Maeterlinck in der Musil-Forschung kaum berücksichtigt. Daher gilt es, durch eine Maeterlincksche Lektüre von Törleß, die Mystik im Roman besser verstehen zu können.

17:30 Matthias Laux (Trier)
Robert Musils dynamische Nietzsche-Rezeption im „Mann ohne Eigenschaften"

Der nachhaltige und bestimmende Einfluss von Nietzsches Philosophie auf Robert Musil und seinen Mann ohne Eigenschaften ist als solcher fraglos. Doch wie lässt sich diese Beziehung präzisieren? Welche Gedanken des deutschen Philosophen waren inwiefern für Musils Ausarbeitung seines Lebenswerks von Bedeutung und wie lässt sich dies ermitteln und darstellen? Über einen entwicklungsorientierten, genetischen Blick auf Philosopheme und Romanprojekte und deren Verhältnisse sowie eine gezielte Auseinandersetzung mit deren wirkungsgeschichtlichen Zusammenhängen und interdisziplinären Beziehungen, die in die Philosophie und Naturwissenschaften reichen, soll ein Weg zur adäquaten Beantwortung dieser Fragen geebnet werden, der einen intertextuell unbeweglichen Ansatz, welcher die Parallelisierung bzw. Gegenüberstellung von Motiven durch bekannte Schlagworte beabsichtigt, zu überwinden vermag.

16:30Sektion 14: Am Anfang war das Wort (und am Ende?)
Raum 317

Moderation: Petra Sivčáková

16:30Jana Tabačeková (Trnava)
Die Problematik der Abgrenzung der präpositionalen Wortverbindungen

Die präpositionalen Wortverbindungen (PWV) des Typs Präposition + Substantiv (z. B. aus Gewohnheit, nach Belieben, auf Abruf, auf Dauer, im Handumdrehen, am Telefon, etc.) standen lange Zeit an der Peripherie des linguistischen Interesses. Allerdings erweisen sich diese Konstruktionen aus der Sicht ihrer Semantik, Festigkeit und Idiomatizität als eine besondere spezifische Gruppe von festen Wortverbindungen. Die präpositionalen Verbindungen weisen auf konsequente Art und Weise Merkmale der Phraseologizität auf, was auch unbestreitbar durch ihr syntaktisch-semantisches Verhalten zum Ausdruck kommt. Die korpuslinguistische Analyse und Untersuchung des Phänomens der PWV wird sowohl in der deutschen als auch in der slowakischen Sprache durchgeführt.

17:00David Wirthmüller (Münster)
Kiezdeutsch bei LinguistInnen?

Aus sprachkritischer Sicht sind Äußerungen wie er hat so Türkeitrikot um Ausdruck von unvollständigem Erwerb der deutschen Standardsprache durch Jugendliche mit Migrationshintergrund. LinguistInnen wie Heike Wiese nehmen hingegen an, dass hier eine neue Varietät entsteht, die auf grammatische Eigenschaften der Standardsprache zurückgreift: Kiezdeutsch.
Im Vortrag werden die beiden Thesen auf ihre Plausibilität überprüft. Datengrundlage für die Untersuchung ist das sogenannte ALi-Korpus, das ausschließlich Aufnahmen von Masterstudierenden der Angewandten Linguistik enthält (kurz: ALis).
Am Beispiel von so als Fokusmarkierung soll gezeigt werden, dass die zweite Annahme zutrifft: Anders als manche SprachkritikerInnen vermuten, finden sich kiezdeutschähnliche Phänomene auch bei gut ausgebildeten SprecherInnen ohne Migrationshintergrund. Äußerungen wie das Beispiel oben sind also kein Sprachverfall, sondern haben ihre Entsprechung in standardnäheren Varietäten.

17:30Elisabeth Putterer (Budapest)
Die Neologismen der Flüchtlingskrise in der deutschen und ungarischen Presse

Meine Arbeit befasst sich mit den kürzlich in der deutschen und ungarischen Presse erschienenen Neubildungen, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik entstanden. Da die Flüchtlingskrise sowohl Deutschland als auch Ungarn betrifft, und deshalb zum zentralen Thema der Berichterstattung wurde, erweist es sich als notwendig, zu untersuchen, welche neuen lexikalischen Einheiten dieses Ereignis in den beiden Sprachen erzeugte, d.h. wie der Wortschatz beider Sprachen erweitert werden musste, um die Phänomene der Flüchtlingskrise benennen zu können. In der Arbeit werden die in der wortbildungsfreudigeren deutschen und in der ungarischen Sprache verwendeten Wortbildungstechniken untersucht. Außerdem werden die Neuwörter aus einem semantischen Aspekt analysiert.

18:00Schlusswort
Raum 300

Prof. Dr. Manfred Weinberg, Institut für germanische Studien, Philosophische Fakultät der Karls-Universität

19:00Abendprogramm

Für Alle:
Informelles Abendprogramm
Kavárna Ponrepo (Bartolomějská 11, Praha 1)

Für Interessenten:
LiteraTour: Ein Literarischer Spaziergang durch die Prager Altstadt (geleitet von Petra Grycová)
Treffpunkt: vor dem Fakultätsgebäude (nám. Jana Palacha 2, Praha 1)